Wenn die Fetzen fliegen. Mit Struktur zum persönlichen Text: So schreibe ich.

Da kommt einem eine geniale Idee, die man verschriftlichen und der Öffentlichkeit mitteilen möchte. Oder man wird angefragt, einen Text zu einem bestimmten Thema zu verfassen, oder man wird sogar dazu aufgefordert. Was auch immer der Grund für eine Schreibaktion ist, die Ausgangssituation ist häufig die gleiche. Gähnende Leere, Verwirrung, ein schwarzes Loch. Kennen Sie das?

Leere Blätter, Gedankenfetzen und andere böse Geister
Ihnen ist alles klar! Sie wissen genau, worüber Sie schreiben wollen. Sie sind im Thema zuhause oder glauben zumindest, es zu sein. Und da ist das doch mit dem Schreiben ein Klacks. Hinsetzen. Schreiben. Fertig.
Aber nichts ist schlimmer als ein leeres Blatt Papier, das Ihnen entgegenschreit: «Na, leg los, bekritzel mich mit deinen genialen Ideen.» Nicht anders ist es mit dem leeren Computer-Dokument, das hell- auf dunkelgrau Ihren Augen entgegenflimmert. Ihre Gedanken zum Text kreisen. Textfetzen hier, Bruchstücke da. «Das wäre auch noch gut. Das habe ich da und dort auch noch gelesen und sollte ich unbedingt noch unterbringen oder doch nur vielleicht?» Immer wieder zucken ihre Finger über der Tastatur, immer wieder Formulierungsversuche und dann der neue Gedanke. Sie werden immer wieder im Schreibfluss gebremst oder kommen erst gar nicht in den Flow. «Wer war nochmal der Erfinder des Flows? Ach ja, der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi. Wer kann das aussprechen? Ist das so korrekt geschrieben? Wen interessiert das überhaupt?» Sie werden immer wieder unterbrochen, abgelenkt. Sie stehen sich selber im Weg. Folge: Der Text fängt einfach nicht an, geht nirgendwo weiter und hört wahrscheinlich niemals auf. Und schon sind Sie ihnen begegnet, den beiden Hauptstressfaktoren beim Schreiben: das leere Blatt Papier und die explodierfreudigen Gedankenfetzen.

Perfektion ist eine Bremse
Den ganzen Text in einem Rutsch von Anfang bis zum Ende. Logisch, konsistent, nachvollziehbar, stilistisch genial, druckreif – man hat ja schliesslich einen Ruf zu verlieren oder will sich einen erarbeiten. Die Leser sollen schon merken, dass …
Nein, nein. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Erwartungshaltung zu tun. Nein! Das ist schlichtweg professionell. Also wo ist das Problem? Und da ist er, der dritte Stressfaktor: Ihr Perfektionsanspruch. Und irgendwie beschleicht Sie ein Gefühl «Ob das wohl gut geht? Ob das wohl gelingt?» Herzlichen Glückwunsch. Sie haben den vierten Stressfaktor gefunden: Versagensangst und Selbstzweifel.

Von ungerechtfertigen Pausen schlechtem Gewissen
Eine Pause. Ja das ist eine gute Idee, das wird helfen. Sie ahnen es schon: Nummer fünf. Sie haben doch keine Zeit – schon gar nicht für Pausen. Und wie heisst Nummer fünf? Genau: schlechtes Gewissen, weil Sie nämlich doch eine Pause machen, obwohl Sie sie gar nicht verdient haben, weil weit und breit kein Text da ist! Na dann … viel Glück!
Ich für meinen Teil kenne diese Stressoren zu Genüge. Und ich verrate Ihnen was – es gibt noch mehr davon, die Ihnen vielleicht auch schon begegnet sind. Aber ich will Sie nicht schon gleich jetzt verjagen.

Texte werden gebaut
Texte sind komplexe Konstruktionen. Die Komplexität der Konstruktion ist notwendig, weil das Verfassen und Lesen von Texten zeitlich auseinanderfallen. Beim Lesen kann der Leser keine Nachfragen stellen. Deshalb muss der Verfasser eines Textes darauf achten, seine Botschaft in nachvollziehbar und logisch sequenzierte Teilhäppchen zu portionieren. Der Verfasser darf keine Sprünge machen, nichts auslassen oder hinzugeben, was den Leser verwirren könnte und dazu führt, dass die Botschaft des Textes nicht erfasst werden kann. Soweit die Theorie.
Die Erkenntnis für die praktische Umsetzung lautet: Texte werden gebaut! Wie bei einem Hausbau, braucht es ein solides Fundament, tragende Strukturen und eine logische Wegführung durch das Gebäude. Was nutzen Räume, zu denen es keinen Zugang gibt? Was nutzen Türen, die ins Leere führen? Fragen Sie mal einen Architekten Ihres Vertrauens, der sollte sich da auskennen.
Also: Wie auch beim Hausbau oder anderen wichtigen Dingen, ist Planung notwendig. In einem Rutsch geht gar nichts! Auch kein Texteschreiben. Achtung – Chaosgefahr. Es sei denn, Sie sind ein Genie. Und weil ich gerade schon gar kein Genie bin und mich immer schwer getan habe beim Texteschreiben, habe ich für mich eine Schreib-Vorgehensweise entwickelt, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte.

Feuer mit Feuer bekämpfen
In einem Rutsch geht das Schreiben bei mir nicht. Das habe ich mühevoll verstanden. Aber wie komme ich zu einer logischen Struktur? Wie bringe ich meine Gedanken alle unter? Möglichst nachvollziehbar! Wie kann ich mich disziplinieren ohne meine Kreativität selber auszubremsen? Wie komme ich zu meiner Struktur, ohne mich einer Struktur zu unterwerfen?
Es mag paradox klingen, aber was mir hilft, ist eine Struktur.
Wie jedes Planungsinstrument, hat auch meine Schreibstütze, die ich zum Verfassen von Texten benutze, eine Überschriftenzeile. In dieser Zeile notiere ich das Thema, zu dem ich schreibe. Hiernach folgt eine Tabellenstruktur, die aus 5 Spalten besteht. Die erste Spalte heisst «Subthema». Die zweite Spalte ist mit «Sammlung Stichworte, Gedanken, Rechercheergebnisse, Quellennachweise, …» bezeichnet. Die Spalte drei ist mit «Formulierungsansatz» betitelt. Spalte vier heisst «roter Faden (Priorität)». Die fünfte Spalte ist mit «Ausformulierung mit Ein- und Ausleitung (Übergänge) pro Subthema» überschrieben.

Sammlungsarbeit
Ich lege los und bewege mich zunächst nur in den ersten drei Spalten. Wenn mir ein Subthema einfällt, schreibe ich es in eine neue Zeile. Kommt mir dann irgendein Formulierungsfetzen in den Sinn, den ich unbedingt verarbeiten möchte, schreibe ich ihn ebenfalls in eine neue Zeile. So verfahre ich auch mit Stichworten, die mir in den Sinn kommen, zu denen es aber vielleicht noch kein Subthema gibt. Für jedes neue Element erzeuge ich eine neue Zeile in der Tabelle. Fällt mir zu einem Zeilenelement eine Ergänzung ein, ergänze ich das Element in der Zelle der entsprechenden Spalte. So können die Gedanken kommen. Sie können springen oder sich verknüpft darstellen. Sie können abbrechen oder sich langsam ergänzen. Ich kann jedes Gedankenelement in meiner Struktur unterbringen. Ich kann kreativ, konfus und unstrukturiert denken.
Ich komme in einen Arbeitsfluss und ganz bald ist meine Struktur, meine Tabelle, nicht mehr leer, was schon mal ungemein beruhigt. Ich nenne diesen Prozess Sammlungsarbeit. Meine Sammlung wächst und wächst. Und wenn mir nichts mehr spontan in den Sinn kommt, dann halte ich Ausschau nach Lücken in meiner Sammlung und überlege, mit welchen Informationen ich sie ausfüllen kann.

Strukturierungsarbeit
Der nächste Schritt ist die Strukturierungsarbeit. Ich überlege mir, in welcher Reihenfolge ich die Subthemen in meinem Text positionieren möchte. Ich definiere den roten Faden meines Textes.

Formulierungsarbeit

Diesem Schritt schliesst sich die Formulierungsarbeit an. In der letzten Spalte wandle ich die Informationen aus Spalte zwei (Sammlung …) und die Formulierungsansätze aus der dritten Spalte entlang der zuvor bestimmten Reihenfolge in ganze Sätze um. Dabei achte ich darauf, die Subthemen textuell miteinander zu verbinden, indem ich Übergänge zwischen den einzelnen Textpassagen formuliere, so dass ein Lesefluss entsteht, der durch die Argumentationsräume meines Textes führt. Der Fokus liegt auf dem Schreiben. Fehler dürfen sich noch einschleichen und können in einem späteren Schritt noch korrigiert werden. Beim Ausformulieren kann es zudem vorkommen, dass die Priorisierung nochmals korrigiert werden muss. Aber das ist keineswegs schlimm. Wird erkannt, dass die Abfolge korrigiert werden muss, ist das ein Zeichen dafür, dass das Ergebnis konsistenter wird. Der Text wird gewinnen. Sind die Textbausteine mit ihren jeweiligen Übergängen formuliert, wird das Dokument in der Abfolge der Priorisierung per copy-paste zusammengebaut. Nach jedem Kopierschritt überlege ich, ob es für den Leser günstig wäre, wenn die neue Textpassage mit einer Zwischenüberschrift versehen wird. Das Formulieren einer solchen Zwischenüberschrift ist dann gar kein Problem, weil ja im Text schon ausformuliert ist, worum es geht.

Zu guter Letzt …
Und schon sind wir am Schluss unserer Arbeit angekommen. Braucht es noch einen Appetizer? Wäre es gut, wenn der gesamte Text noch mit einer Zusammenfassung oder einer zentralen Fragestellung eingeleitet würde? Wenn dem so ist, geht auch das ganz leicht, weil die logische Führung und die Inhalte des Textes alle schon definiert sind. Und ganz zum Schluss folgt noch die Endredaktion. Die Prüfung der Rechtschreibung, der Grammatik oder der Kommasetzung sind Teilarbeiten dieses Prozesses. Und dann könnte noch jemand den Text gegenlesen. Fertig!

Ihre Gedanken und Ihre Logik haben sich zu Ihrem Text zusammengefügt. Herzliche Gratulation.

 

Die Tabellenstruktur gegen die fliegenden Fetzen und die leeren Blätter finden Sie übrigens im Download.

Comments (2)

  • Die Tabellenstruktur zum Verfassen von Texten habe ich mir zu eigen gemacht. Um es vorweg zu nehmen: Die Struktur hat mir wesentlich dabei geholfen, meine Texte besser und vor allem schneller zu verfassen. Diese Methode führt dazu, den Gedankenfluss überhaupt erst in Fahrt zu bringen. Meist fühlt man sich ja wie ein Bulldozer, der einen Berg an Gedanken, Halbverdautem, Seitenideen, Nichtzuvergessendem, Auchnochzusagendem, Nochzubeachtendem und vielem mehr vor sich herschiebt. Ehe man sich versieht, bleibt der Bulldozer stecken, die Last war zu gross, die Gedanken bleiben aus … schon wieder hat man sich im Kleinklein verheddert, und die Lust zu schreiben ist auch dahin. Die Tabellenstruktur wirkt dabei wie die berühmte Mülltrennung nach Tonnen – nur dass es hier eine Gedankentrennung ist: Man wirft munter alles in den dafür vorgesehenen Behälter, lässt sich nicht von diesem oder jenem aufhalten, weil man weiss, dass man sich dem später widmen kann, und so wird aus dem grossen Problemberg ein überschaubares Feld kleiner Lösungsansätze, die man nach und nach bearbeiten kann. Die Angst, etwas zu vergessen, ist dahin. Die Leere vor lauter Fülle bleibt aus, man kann von einem Feld zum nächsten wandern, neu ordnen, weiterdenken, kreativ sein. Erst danach, wenn man sozusagen den Spass bis in die letzten Verästelungen ausgekostet hat, kommt die Endfassung. Und hier kann man dann noch stilistisch feilen, zu einem Zeitpunkt, wo der Rest bereits erledigt ist. Diese Tabellenstruktur ist eine psychologische Geheimwaffe, die ich jedem, der Texte verfassen muss und davor Angst hat, nur empfehlen kann.

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