Wie müssen Lehrpersonen unterrichten, damit Schüler lernen?

Auch wenn diese Frage von brennendem Interesse ist: Sie kann so nicht beantwortet werden – weil es zum einen die homogenen Massen die ‘Lehrpersonen’ und die ‘Schüler’ nicht gibt und weil zum anderen ‘unterrichten’ und ‘lernen’ nicht definiert sind. Aber wie müsste die Frage dann lauten?

Wann Unterricht gut ist oder gelingt, ist eine Frage, der bereits Generationen von Wissenschaftlern nachgegangen sind und immer noch nachgehen. Es scheint, als sei es, wie den Stein der Weisen zu finden, wenn es darum geht, Kriterien aufzustellen, die als messbare Referenz dienen können um zu beurteilen, ob Unterricht dazu geeignet ist, jemandem etwas beizubringen oder nicht. Zu den Forschern, die sich in jüngerer Vergangenheit dieser Frage zugewandt haben, sind Meyer oder Helmke und nicht zuletzt Hattie zu nennen, die allesamt versuchen, verlässliche Kriterien für einen gelingenden Unterricht zu entwerfen.

Definition Unterricht
Vielleicht sollten wir, bevor auch wir dieser Frage nachgehen, nochmal kurz innehalten und eine Definition für «Unterricht» wagen, vor deren Hintergrund wir dann das Qualitätsmerkmal «gut» genauer spezifizieren können. Also legen wir los:

«Unterricht» wird in klassischer Weise verstanden als eine organisierte Situation, in der ein Lehrer einem Schüler Wissen in einer geplanten Vorgehensweise vermittelt. Für einen Unterricht benötigt man also zunächst mindestens zwei Personen – eine Lehrperson und einen Schüler oder eine Schülerin – sowie einen Wissensvorsprung der Lehrperson gegenüber dem oder der Lernenden, der durch eine bewusst geplante Vermittlungsstrategie durch die Lehrperson ausgeglichen wird. Dieser Ausgleichsprozess geschieht in einem institutionalisierten Rahmen, der Schule also, geplant und ohne Zufall.

Lernende gehören der Spezies ‘homo individuum’ an, Lehrpersonen übrigens auch
Lehrpersonen sollten eigentlich mit dieser Definition kein Problem haben, da sie auf aufgrund ihres fachwissenschaftlichen Studiums und ihrer freiwillig getroffenen und vertraglich verbrieften Entscheidung, unterrichten zu wollen, jederzeit im Rahmen der Unterrichtszeiten mit Tat und Kraft einsatzbereit sind. An dieser Stelle dürfen allen Lehrpersonen gerne mal scharf nachdenken, ob dem wirklich und immer so ist. Und wie sieht es mit den Lernenden aus? Ist deren Wissensaufnahme derart plan- und institutionalisierbar? Wohl eher auch nicht. Wir, die wir alle auch einmal Lernende waren und heute hoffentlich immer noch sind, wissen, dass wir nicht zu jeder Zeit gleich gut lernen können, dass wir nicht zu jeder Zeit lernen wollen und dass wir auch nicht zu jeder Zeit genau das Gleiche lernen wollen oder können wie andere, die sich gerade mit uns im gleichen Institutionalisierungsgefäss befinden. Und sogar noch mehr: wir wollen vielleicht gerade jetzt gar nicht in diesem Institutionalisierungsgefäss mit anderen zusammen sein! Und dann wollen wir vielleicht auch nicht immer jemanden vor uns haben, der oder die uns etwas vorturnt, der oder die uns sagt, welchen Schritt wir jetzt bitte als nächsten tun sollen auf unserem Lernweg. Warum soll ich so lernen, wie mein Gegenüber, die Lehrperson, das gerade jetzt von mir will? Okay, die Lehrperson hat ihren Lernerfolg vielleicht für sich genau auf diesem Weg verbuchen können, aber was ist, wenn dieser Weg nicht mein Weg ist? Was ist, wenn ich im Lerngegenstand ganz andere Aspekte erkenne, denen ich nachgehen will?

Wissen wird nicht vermittelt, sondern generiert
Konsequenz: Unterrichten ist offenbar kein Akt der Normierung oder Gleichmachung. Unterrichten ist ein höchst individualisierendes Tun – sowohl auf der Sach- als auch auf der Prozessebene. Unterrichten ist eben kein ‘Nürnberger Trichter’, bei dem den Lernenden Wissen eingeflösst und vermittelt wird. Wissen lässt sich nicht vermitteln. Wissen wird im lernenden Gegenüber generiert, indem die Lehrperson in Bezug auf den Lehrstoff individuelle Anknüpfpunkte im Lernenden aufspürt, dem Lernstoff dadurch Attraktivität für Lerner verleiht und diesen dann bei der persönlichen Entwicklung in Bezug auf den Lerngegenstand unterstützt. Aufgabe einer Lehrperson ist es nicht Wissen zu vermitteln. Lehrpersonen müssen als Lerncoach fungieren. Ihre Kernaufgabe liegt nicht darin, ihren eigenen oder den von Schulbuchautoren vorgedachten Lernweg mit den Lernenden nachzuschreiten. Aufgabe einer Lernperson heute ist es, die individuelle Relevanz, die persönliche Bedeutsamkeit eines Lerngegenstandes für Schülerinnen und Schüler zu erkennen, in Abhängigkeit von den individuellen Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler differenzierte Aktionsimpulse zu setzen und so die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Lerngegenstand und der Generierung von Wissen rund um den Lerngegenstand in ihrer Persönlichkeitsentwicklung individualisiert zu unterstützen.

Kriterien für guten Unterricht?
Institutionalisiertes Unterrichten wird immer eine organisierte Situation bleiben. Von Lehrpersonen werden wir immer erwarten, dass sie planvoll handeln. Aber: Ihre Planungen sollen nicht limitierend sein in Bezug auf den individuellen Lernprozess. Ihre Planungen sollen Individualität fördern und Lernvielfalt unterstützen, damit individuelle Lerner ihre individuellen Möglichkeiten zu einer individuellen Persönlichkeit entwickeln können. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die Lehrpersonen, die als Gegenleistung für diese komplexe Aufgabe ebenso in ihrer Individualität wahrgenommen und entwickelt werden müssten, zu leisten haben.

Lernen ist möglich
Und wann ist Unterricht dieser Art dann «gut»? Gut in diesem Zusammenhang dürfte bedeuten, dass Lernende ihr individuelles Wissen auf individuelle Weise erweitern, sich somit individuell entwickeln und zu individuellen Persönlichkeiten werden, die in der Welt zum Wohle der Gesellschaft wirksam werden können. Dieser positive Lern-Entwicklungs-Effekt sollte das Ziel von Schule und somit jeder Lehrperson sein. Die Erzeugung solcher positiven Lern-Entwicklungs-Effekte ist wahrlich eine nicht zu unterschätzende Kraftanstrengung – und zwar für alle Beteiligten. Sie gelingt nur, wenn der Unterricht getragen ist von gegenseitigem Vertrauen und von gegenseitiger Wertschätzung, einer Atmosphäre also, in der ein solches Wissen generierendes Lernen überhaupt möglich ist. Angst vor Fehlern, vor Fehlentscheidungen und vor Fehltritten hat im Unterricht keinen Platz, weil eben solche «Umwege» Zeichen sind von individueller Auseinandersetzung und persönlicher Wissensgenerierung.

Lernen findet statt
Der Umstand, dass Lernen aufgrund einer anregenden und unterstützenden, zwischenmenschlichen Atmosphäre möglich ist, kann ohne Zweifel als eine Grundlage für guten Unterricht herangezogen werden. Das alleine reicht aber noch nicht aus. Unterricht ist dann gut, wenn über die individuelle Beachtung der Lernmöglichkeit hinaus Lernen und Wissensgenerierung auch tatsächlich stattfinden, sich die Schülerinnen und Schüler also in ihrer Persönlichkeit tatsächlich individuell weiterentwickeln. Aufgabe der Lehrpersonen ist es also, den Unterricht in eine lernanregende Atmosphäre der Vertrautheit, Konzentration und sozialen Zuverlässigkeit zu betten.

Kein institutionalisiertes Lernen ohne institutionalisiertes Unterrichten
Die Gestaltung optimaler Entwicklungssituationen für Schülerinnen und Schüler wurde vorgängig dargestellt. Was aber ist mit den Lehrpersonen in diesem komplexen Unterrichtssetting? Hier halte ich es mit dem Begriff der Reversibilität, demnach von Lehrpersonen nicht nur erwartet werden sollte, dass sie entsprechend individualisierende Lernsettings planen, in lernmöglicher Atmosphäre einbetten und persönlichkeitsbildend wirken lassen. Ebensolches müssten auch sie selber erfahren: individuelle Beachtung, individuelle Unterstützung und individuelle Entwicklung, also der Chance auf Wissensgenerierung mit allen Konsequenzen und zwar durch Vorgesetzte, Eltern, Gesellschaft und sicherlich auch durch Schülerinnen und Schüler. Auf diese Weise kann individuelles Denken sich zu gemeinschaftlichem Gestalten formieren und Unterricht richtig gut werden lassen.

Das ist die Antwort – und wie wäre dann die Frage?
Wie müsste die Eingangsfrage dann also lauten, um beantwortbar zu werden? Dem Fragenden müsste zunächst deutlich sein, dass Unterrichten nicht nur aus Aspekten der Umsetzung, also des unterrichtlichen Handelns, besteht. Gutes Unterrichten hat auch und vor allem Aspekte der Haltung und Vorbereitung auf den Unterricht – und zwar beide Seiten, also Lehrende und Lernende, betreffend. Demzufolge müssten Gelingensbedingungen für guten Unterricht nicht nur auf der Ebene der Umsetzung, sondern zunächst auf der Ebene der Anbahnung definiert werden, für alle Beteiligten – auch für die ausserhalb des Unterrichts. Aus diesen primären Reflexionen heraus sollte erkannt werden, dass Unterrichten und Lernen jeweils höchst individuelle Prozesse sind, die sich mit einem standardisierten und typisierten Kriterienkatalog nicht optimierend steuern lassen. Institutionalisiertes Unterrichten und Lernen gelingt dann immer gut, wenn die Voraussetzungen dazu individuell vorhanden sind, Unterrichten und Lernen also möglich ist, und wenn sich alle Beteiligten in ihrer Persönlichkeit intendiert entwickeln, wenn Lernen also stattfindet – sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrpersonen. Wie würden Sie also die Frage formulieren, wo Sie jetzt die Antwort kennen?

 

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